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Die Rückkehr der Riesen

Ein kühler Morgen im Nord­westen Namibias, die Sonne steht tief über den rotbraunen Hügeln des Torra-Gemeindeschutzgebiets. Ein Jeep holpert über die steinige Piste durch das Tal. Neben dem Fahrer sitzt ein holländischer Tourist, auf der Ladefläche stehen zwei junge Ranger und spähen in die Weite. Eine Gruppe Antilopen springt hinter einem der dürren Sträucher hervor. Dann plötzlich entdecken die beiden Männer, wonach sie seit einer Stunde Ausschau halten. Mit ausgestrecktem Arm zeigt einer der beiden Ranger auf einen nahen Hügel. «Dort oben, neben dem grossen Busch ist eines», sagt er dem Touristen zugewandt. Auf einer Anhöhe, einige Hundert Meter entfernt, steht scheinbar reglos ein Spitzmaulnashorn. Der Tourist schultert seine Kamera, zu Fuss schleichen sich die Männer näher an das Tier heran.

 

Dass hier wieder Nashörner frei durch die Steppen ziehen, gleicht einer ökologischen Sensation. Noch vor 30 Jahren standen die Tiere im Gebiet des heutigen Namibias kurz vor dem Aussterben und mit ihnen viele weitere Tierarten. Doch als Namibia 1996 politische Unabhängigkeit erlangte, entschied sich das Land gegen die Wilderei und schrieb als Erstes weltweit den Naturschutz in die Verfassung. Inzwischen leben hier in der Kunene-Region im Nordwesten des Landes wieder über 200 Spitzmaulnashörner, es ist die grösste frei lebende Population der Welt. Und nicht nur die Nashörner sind wieder auf dem Vormarsch. Auch die Zahl anderer bedrohter Tierarten wie Löwen, Elefanten oder Geparde nimmt seit Jahren zu – während die Tiere über den gesamten Kontinent betrachtet zunehmend von der Bildfläche verschwinden.

 

Diese Entwicklung bringt dem Land weltweite Anerkennung ein. Der WWF bezeichnete die Er­holung der Tierpopulationen als «einzigartige Erfolgsgeschichte» und verlieh Namibia vor drei Jahren eine Auszeichnung. Chris Weaver leitet den Ableger des WWF in Namibia. «Die Rückkehr der Nashörner ist ein exemplarisches Beispiel dafür, was das Land richtig macht», sagt der Ökologe.

 

Landbevölkerung in Tierschutz integrieren

 

Wie andere Länder siedelt auch Namibia einzelne Exemplare aus Nationalparks in die freie Wildbahn um, impft die Tiere gegen Krankheiten und geht mit staatlichen Sicherheitskräften gegen die Wilderei vor, die hier wie im ganzen südlichen Afrika seit einigen Jahren wieder stark zunimmt. Der wichtigste Schlüssel für den ökologischen Erfolg, sagt Weaver, sei jedoch ein anderer: «Die Regierung hat frühzeitig erkannt, wie wichtig es ist, die Landbevölkerung in den Naturschutz zu involvieren.»

 

Es war vor 20 Jahren, als weisse Umweltschützer im Norden Namibias gemeinsam mit den Gemeinden erste Schutzprojekte gründeten. Aus dieser Initiative entstand später die namibische Naturschutz- und Entwicklungsorganisation IRDNC, die seither die meisten Gemeindeschutzgebiete mitbegründet hat und beratend unterstützt. Seit den Anfängen ist im gesamten Land ein Netz von über 80 sogenannten Community Based Conservancies entstanden. Die Gemeindeschutzgebiete, wie sie auf Deutsch heissen, bedecken heute knapp ein Fünftel des Landes. Eine Fläche, viermal so gross wie die Schweiz.

 

Der Staat, dem ein Grossteil des Landes gehört, hält sich zurück. Die lokalen Gemeinden verwalten die jeweiligen Schutzgebiete ­weitgehend selbstständig. Sie verpflichten sich zum Schutz der Tiere, beschäftigen Parkwächter und unterstützen die Naturschutzorganisationen in ihrer Arbeit. Im Gegenzug erhalten sie Beratung von Organisationen wie IRDNC und profitieren vom wachsenden Tourismus. Das Torra-Schutzgebiet, wo die beiden Ranger an diesem Morgen unterwegs sind, war vor 20 Jahren unter den ersten, die entstanden sind, und gilt inzwischen ökologisch und wirtschaftlich als eines der erfolgreichsten.

 

Die Zentrale des Schutzgebietes befindet sich im Dorf Bersig, einer Ansammlung einfacher Häuser inmitten karger Hügel, weiten Ebenen und staubigen Schotterstrassen. Torra Conservancy Office ist in weissen Buchstaben an die Steinmauer eines Hauses gemalt. Im Innern sitzt der Büroleiter ­Juphresius Davids an einem mit Ordnern belegten Holztisch. Der Mann leitet die Geschäfte des Schutzgebiets. «Torra ist nicht nur ökologisch ein Erfolg», sagt er, «sondern auch wirtschaftlich.»

 

Namibia hat sich in den vergangenen Jahren als beliebtes Reiseziel für Safari-Touristen etabliert. Die Tierwelt und Landschaften ­locken jedes Jahr über eine Million Besucher in das Land. Seit der Gründung des Torra-Schutzgebiets wurden allein in diesem Gebiet vier Lodges für Touristen eröffnet. Die Parkverwaltung erhält einen kleinen Teil der Übernachtungseinnahmen und stellt im Gegenzug Ranger für Safaris zur Verfügung. Da gewisse Tierarten wie Gazellen und Antilopen hier ­weiterhin gejagt werden dürfen, verkauft sie zudem jedes Jahr eine staatlich festgelegte Anzahl Abschusslizenzen an Jagdtouristen und Fleischhändler.

 

Die Erlöse fliessen in das Management des Parks, in soziale Projekte und den Bau von öffentlichen Einrichtungen. Doch der allergrösste Gewinn für die Bevölkerung sei ein anderer, sagt Davids. Es gebe endlich Arbeit: «Noch vor wenigen Jahren fanden Jugend­liche hier kaum Perspektiven. Wer nicht als Bauer arbeiten wollte, verliess die Gegend.» Inzwischen verdiene aus fast jeder Familie jemand sein Geld im Tourismus.

 

Bauer erzählt von Löwen, die seine Tiere töten

 

Vor dem Parkbüro hält ein Gelände­wagen. Auf der überdachten Ladefläche sitzt eine Gruppe älterer Touristen auf gepolsterten ­Bänken, ein Parkwächter steigt zu. In einem nahen Tal soll sich eine Elefantenherde aufhalten. Unterwegs werden sie vielleicht am Bauernhof von Yankee Amrein vorbeifahren. Der 60-jährige Mann betreibt einen kleinen Hof mit Schafen und Kühen. Die Wild­tiere, über die sich die Touristen und Umweltschutzorganisationen freuen, sind für ihn wie für alle Bauern in der Region eine existen­zielle Bedrohung.

 

Amrein sitzt auf einem rostigen Campingstuhl vor seinem Wohnhaus aus Stein und Lehm. Er erzählt von Löwen, Leoparden und Hyänen, die über seine Tiere herfallen. Und von Elefanten, die seinen Gemüsegarten zerstören. «­Allein dieses Jahr habe ich mehr als ein Dutzend Schafe und Geissen verloren», sagt Amrein.

 

Seine Rinder hält er einige Kilometer entfernt hinter einem von Stacheldraht bewehrten Metallzaun, umgeben von einer Flutlichtanlage mit Bewegungsmelder. Die Parkverwaltung hat ihm wie auch ein paar weiteren Bauern diese Anlage finanziert. Doch um alle Höfe damit zu versorgen, fehlen die Mittel. Stattdessen erhalten die Bauern für jedes verlorene Tier von der Regierung eine kleine Entschädigung. «Viel zu wenig», wie Amrein sagt. Das Geld reiche längst nicht aus, um ein verlorenes Tier zu ersetzen.

 

Er selber gehörte vor 20 Jahren zu den Fürsprechern des Schutzgebiets. Es war der richtige Entscheid, sagt er. Aber noch komme zu wenig Geld bei der Bevölkerung an. Es brauche bessere Entschädigungen für verlorene Tiere, noch mehr Arbeitsplätze und bessere Infrastruktur. «Die Löwen, die Elefanten und Nashörner werden nur dann überleben, wenn alle hier langfristig von den Wildtieren profitieren», sagt Amrein. Sollten sich die Bewohner der Gegend eines Tages gegen den Naturschutz entscheiden, müssten sie nicht lange nach neuen Einkommensquellen suchen. Die Hörner der Rhino­zerosse sind auf den asiatischen Märkten gefragter denn je.