Memento Mori

Stellen Sie sich vor, am Morgen geht die Sonne auf und Sie sind nicht mehr. Eine schwierige Übung. Allzu gerne verdrängen wir das Wissen um die (eigene) Endlichkeit. Doch in der Corona-Pandemie klappt es mit dem Ignorieren des Todes auch in unserer risikominimierten Gesellschaft immer schlechter. Tagtäglich flimmern neue Zahlen zu Erkrankten, Hospitalisierten, Verstorbenen über die Bildschirme und erinnern uns an die unbequeme Wahrheit: Wir alle vergehen. Selten war es so schwierig, diesem Wissen zu entkommen. Die Geschichte der Corona-Pandemie ist denn auch eine Geschichte unseres Umgangs mit dem Tod. Versammlungsverbote, Schutzmasken, Ausbau der Intensivbetten – all das sind Massnahmen mit einem Ziel: Das Sterben zu verhindern. 

Während wir alle gebannt auf Statistiken blicken, bleiben die Sterbenden und ihre Angehörigen weitgehend ungesehen. Wir diskutieren über R-Werte und Sterblichkeitskurven – unsere eigene Endlichkeit schweigen wir tot. Das Sterben, das früher beinahe öffentlich vonstatten ging, ist nicht erst seit Corona in blickdichte Räume verbannt. Aber die Pandemie verdeutlicht, wie radikal wir den Tod aus unserem Alltag verdrängen. Rund 80 Prozent aller Menschen in der Schweiz sterben hinter den Mauern von Spitälern und von Altersund Pflegeheimen, mit Corona nimmt ihre Zahl weiter zu. Und selbst wer sich in diesen Institutionen bewegt, sieht kaum je einen toten Menschen. Verstorbene verschwinden rasch und unauffällig durch Hinterausgänge und Tiefgaragen. Wir schauen weg, so gut es eben geht. 

Dies einfach mit Ignoranz zu erklären, wäre verkürzt. Die Angst vor dem Sterben ist Teil unseres Seins, sie befällt uns bereits in den ersten Lebensjahren. Im Alter von rund vier Jahren realisieren Kinder erstmals die Endlichkeit des Lebens. Die Erkenntnis, dass irgendwann unsere Eltern und auch wir selber vergehen, erfüllt uns mit Entsetzen. «Wir alle sind getrieben vom unbewussten Versuch, unsere eigene Sterblichkeit zu negieren», formulierte es 1973 der US-Anthropologe Ernest Becker in seinem Buch «The Denial of Death», für das er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. «Wir bauen Charakter und Kultur auf, um uns vor dem verheerenden Bewusstsein der zugrundeliegenden Hilflosigkeit und dem Schrecken unseres unausweichlichen Todes zu schützen.» Wie sehr die Angst vor dem Tod unser Menschsein prägt, wurde seither in verschiedenen Studien untersucht. Der US-Sozialpsychologe Sheldon Solomon ist einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet. «Die Angst vor dem Tod ist eine der treibenden Kräfte hinter menschlichem Handeln», schreibt er 2015 im Buch «The Worm at the Core: On the Role of Death in Life». Schreckens-Management-Theorie nennen Solomon und seine Forschungskollegen ihr Modell, das sie insbesondere in Westeuropa und den USA erforscht haben. Demnach weckt das Bewusstsein des unausweichlichen Todes bei den meisten Menschen ein Gefühl «lähmender existenzieller Furcht». Ein internationales Forschungsteam aus Israel und Frankreich entdeckte vor zwei Jahren zudem einen Mechanismus im Gehirn, der das Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit aktiv unterdrückt. 

Die Wissenschaftler um Solomon fanden auch heraus, dass die Erinnerung an den Tod eine Reihe von vorhersehbaren Verhaltensstrategien hervorruft, alle mit demselben Ziel: unser sicheres Ende zu leugnen. Diese Strategien treten auch deutlich im Umgang mit der Corona-Pandemie hervor: Wir waschen uns sehr oft die Hände (Sicherheits-Strategie), wir negieren die Gefährlichkeit des Virus (Verleugnungs-Strategie) und wir ignorieren die Toten und die mit ihnen verbundenen Schicksale (Verdrängungs-Strategie). Weil alle diese Mechanismen durch die Dauer und Allgegenwart der Pandemie an ihre Grenzen stossen, leidet die Psyche vieler Menschen. Von der Stube ins Spital verlegt 

Wie ein anderer Umgang mit dem Sterben möglich wäre, zeigt ein Blick zurück. Vor der Säkularisierung des Alltags bis weit ins 20. Jahrhundert waren das Abschiednehmen und Sterben auch in Westeuropa fester Bestandteil des Lebens. Die Menschen starben zuhause, umgeben von ihren Angehörigen, eingebettet in Rituale. Die Angehörigen wuschen den Leichnam und kleideten ihn ein. Sie bahrten ihn mehrere Tage zuhause auf und hielten Wache. Im Sterbezimmer versammelten sich Verwandte und Nachbarn ums Totenbett. Bräuche, die nicht erst mit Corona grösstenteils aus der westlichen Kultur verschwunden sind. Im Mittelalter bestand das Leben aus dem Glauben an ein kurzes diesseitiges und ein ewiges jenseitiges Leben. Die Kirche unterrichtete die Menschen in der Sterbekunst, der sogenannten Ars moriendi. Entstanden war diese im Gefolge der Pest-Pandemie. Ihr fiel zwischen 1347 und 1350 die Hälfte der westeuropäischen Bevölkerung zum Opfer.Der tote Körper verschwindet von der Bildfläche 

Noch 1900 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz keine fünfzig Jahre, die Kindersterblichkeit war hoch. Doch mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Medizin wandelte sich unser Umgang mit dem Tod grundlegend. Hinzu kam der Bedeutungsverlust der Kirche, die den rituellen Rahmen des Sterbens stark geprägt hatten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sei der Tod «ausgebürgert» worden, schreibt der französische Historiker Philippe Ariès in seiner «Geschichte des Todes». Das Sterben wurde zunehmend aus den Wohnungen in die Spitäler verlegt und den Ärzt*innen überlassen. Der Walliser Ethnologe und Soziologe Bernard Crettaz, der sich sein halbes Leben lang mit dem Tod beschäftigt hat, spricht von der «Marginalisierung» des Sterbens. Er macht sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fest, in der Ära der Konsumgesellschaft und der Wirtschaftswunderjahre. Vor allem der tote Körper sei damals von der Bildfläche verschwunden, schreibt Crettaz: «Er wurde beseitigt, jeweils so rasch wie möglich.» 

Die Einschränkungen während der Corona-Pandemie verstärken diese Entwicklung: Die meisten Kranken sterben in Intensivstationen und isolierten Abteilungen. Das eigentliche Sterben, obwohl in Zahlen und Statistiken präsent, wird noch unsichtbarer. Doch die Schicksale der Angehörigen sowie die Ängste von alten und kranken Menschen bleiben. «Diese Menschen brauchen Unterstützung und Anteilnahme. Zum Beispiel, indem ihre Trauer durch Rituale und die Möglichkeit von Gesprächen und Begleitungen gewürdigt wird», sagt Susanna Meyer Kunz, leitende Seelsorgerin am Universitätsspital Zürich. Sie erlebt in ihrer Arbeit während der Pandemie, wie verletzlich Angehörige und Betroffene sind, wenn die Freiheitsrechte in den Institutionen eingeschränkt sind. Die übliche Tabuisierung des Sterbens wird so verstärkt, zusätzliche Ängste werden geschürt. 

Es gibt Stimmen, die – ganz unabhängig von Corona – behaupten, der Tod kehre seit einigen Jahren wieder in die Gesellschaft zurück, so etwa der deutsche Kulturphilosoph Thomas Macho. Als ein Beleg gelten oft die Sozialen Medien. Dort teilen schwerkranke Menschen zunehmend ihre Leidensgeschichten, verschicken Selfies aus dem Krankenbett und lassen die Öffentlichkeit an ihrem Sterben teilnehmen. Auch im öffentlichen Diskurs gewinnt das Thema wieder an Raum. Säuberlich verpackt in eine Sprache, in welcher der Schrecken des Todes kaum Erwähnung findet. Sie handelt von «Patientenverfügungen» oder «Palliative Care». Es ist die Sprache einer Gesellschaft, die auf der Suche ist nach einem neuen Umgang mit dem Tod. Auch Dinge entsorgen ist ein Abschied 

Wie eine Auseinandersetzung mit dem Tod gelingen kann, mit dieser Frage befasst sich Roland Kunz seit dreissig Jahren. Er leitet an den Zürcher Stadtspitälern Triemli und Waid die Palliativmedizin. Dort kümmert er sich um unheilbar Kranke, die nur noch eine kurze Lebenszeit haben, und begleitet sie bis zum Tod. Vergangenes Jahr erschien von ihm das Buch «Über selbstbestimmtes Sterben». Darin plädiert er für einen offeneren Umgang mit dem Tod. Dazu gehöre, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen, wie man sterben möchte. Etwa mit Blick auf medizinische Eingriffe oder lebenserhaltende Massnahmen. 

Kunz beobachtet, dass die meisten Menschen auf die Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung zunächst mit Entsetzen reagieren. «In meiner Arbeit sehe ich, wie die Angst vor dem Sterben aber für viele immer kleiner wird, je näher der Tod kommt. Sie durchleben oft eine Art Reifeprozess.» Mit fortschreitender Krankheit verliere vieles an Wichtigkeit, die Menschen beginnen loszulassen. «Am Schluss wünschen sich viele, dass sie jetzt gehen können.» Oft seien es die Angehörigen, die sich schwer tun, die klammern und das Sterben nicht akzeptieren wollen. «Viele wachen rund um die Uhr am Bett. Und in dem Moment, wo sie dann mal kurz rausgehen, Kaffee holen oder einen Anruf machen, stirbt die Person. Weil sie nicht mehr zurückgehalten wird.» 

Das Sterben sei auch eine Kunst des Loslassens, sagt Kunz. Am besten übten wir uns darin, während wir noch mitten im Leben stehen. Es brauche Momente der Ruhe, wo wir uns mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen. Wenn wir Dinge entsorgen, den Wohnort wechseln oder etwas Neues beginnen, sind das immer auch kleine Abschiede. «Wenn wir diese bewusst wahrnehmen, hilft uns das bei der Vorbereitung auf den grossen Abschied.» Vor einigen Jahren kam Roland Kunz dem eigenen Tod nahe. Er hatte einen schweren Autounfall, wurde mehrere Male operiert und verbrachte drei Wochen im Spital. «Das war mein persönliches Memento mori», sagt Kunz. Wir sollten die Erinnerungen an die eigene Sterblichkeit nicht meiden, sondern suchen. «Der Gedanke an den Tod muss nicht nur Angst auslösen. Das Leben gewinnt an Kraft und verliert Angst, wenn wir im Bewusstsein leben, dass es eines Tages vorbei sein wird.»