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Wenn forschen gefährlich wird

Die Anthropologin nimmt den Anruf an der türkischen Ägäisküste entgegen. Sie ist vor wenigen Tagen in das Land gereist, um mehr über die politische Situation zu erfahren: «Ich möchte wissen, welche Art von Forschung zurzeit überhaupt noch möglich ist.» Am liebsten würde sie – das gilt auch für andere Forschende – derzeit gar keine Auskunft geben. Um sie, die Partner vor Ort und die laufende Forschung nicht zu gefährden, ist darum ein Teil der Quellen in diesem Text anonymisiert.

 

Die Anthropologin forscht seit vielen Jahren in der Türkei. Welche Forschung weiterhin möglich sein wird, kann die Professorin noch nicht abschätzen: «Es wird auf jeden Fall schwieriger, in der Türkei zu forschen.» Sie ist eine von mehreren Forscherinnen und Forschern aus ganz Europa, die sich vertieft mit der Türkei befassen. Viele von ihnen nehmen die Situation ähnlich war: Als unberechenbar und latent bedrohlich. Bei ihrer Arbeit sehen sich viele mit weitreichenden Erschwernissen konfrontiert: Sie erhalten keine Forschungsbewilligungen mehr oder nur mit grossem Aufwand. Der Zugang zu Archiven wird schwieriger, und die Partner vor Ort werden vorsichtiger.

 

Für die Wissenschaftler ist es oft nicht leicht abzuschätzen, welche Formen die staatliche Überwachung angenommen hat. Dabei macht sich die Anthropologin um sich selber am wenigsten Sorgen. Ihr drohe allenfalls die Ausweisung und ein Einreiseverbot. Schlimmer treffen könne es ihre Partner im Land und die Doktorandinnen mit türkischem Pass, die mit ihr zusammenarbeiten.

 

Selbstzensur aus Vorsicht

 

Wie stark die Wissenschaft in der Türkei unter Druck steht, ist immer wieder Thema in den westeuropäischen Medien. Dabei sprechen die Zahlen für sich: Seit dem Putschversuch im Sommer 2016 hat der türkische Staat mehr als 4800 Wissenschaftler entlassen und gegen über hundert ein Strafverfahren eröffnet. Diese Zahlen veröffentlichte die Universität Lund im Frühling 2017. Anfang Juni publizierte die amerikanische Organisation «Scholars at Risk» einen weiteren Bericht zur Situation in der Türkei. Darin schreiben die Autoren, die Verfolgung von Wissenschaftlern habe ein «beispielloses Ausmass» erreicht. Schliessung von Universitäten, Entlassungen, Inhaftierung und Reiseverbote: Tausende Wissenschaftler seien von den Repressionen des Staates betroffen, schreibt die Organisation. Und die Verfolgungen dauern an.

 

Der steigende Druck auf die Wissenschaft beeinträchtigt die Arbeit von ausländischen Forschern vor Ort. Doch die Auswirkungen des politischen Klimas reichen weiter, bis zu den Arbeitsplätzen in den Hochschulen, wo die Wissenschaftler ihre Ergebnisse auswerten und veröffentlichen. «Wir überlegen uns genau, was wir publizieren können», sagt ein anderer Sozialwissenschaftler. Der Professor beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Türkei. Die Feldforschung haben er und seine Mitarbeiter noch vor dem Putschversuch im vergangenen Sommer abgeschlossen. Zum Glück, sagt der Wissenschaftler: «Das waren Forschungen, die wir heute so nicht mehr durchführen könnten.»  Seit über einem Jahr sind seine Mitarbeiter zurück aus der Türkei, darunter auch eine Forscherin mit türkischer Staatsangehörigkeit. Sie werten die Daten aus, bereiten die ersten Publikationen vor. Es geht um heikle Fragen zum Verhältnis von Staat und Gesellschaft. «Wir müssen sehr vorsichtig sein und können nicht alles schreiben, was wir vielleicht gerne würden.» Vorrangiges Ziel habe bei den Publikationen der Schutz der türkischen Mitarbeiter und der Quellen vor Ort: Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen und oppositionelle Politiker.

 

Schutz der Partner vor Ort

 

Auf der einen Seite besteht der Anspruch, möglichst alle relevanten Erkenntnisse zu veröffentlichen, auf der anderen Seite eine diffuse Angst vor Repression. Diese wird geschürt durch Ereignisse wie die Verhaftungen und Entlassungen von Mitarbeitenden von Organisationen und Universitäten in der Türkei. Es ist ein Dilemma, von dem auch Nataša Miškovic berichtet. Die SNF-Förderprofessorin der Universität Basel beschäftigt sich in einem ebenfalls mehrjährigen Projekt mit der Entstehung der türkischen Republik und dem Alltag in Istanbul und Ankara in den 1920er- und 1930er-Jahren. Im Mittelpunkt stehen Pressefotografien aus den grossen Tageszeitungen Cumhuriyet und Akşam.

 

Die Forschung ist abgeschlossen, zurzeit bereitet sie mit ihren Mitarbeitern eine Ausstellung vor, die auch in der Türkei gezeigt werden soll. Dies erfordert grosse Umsicht. «Wir diskutieren intensiv, welche Themen wir wo zeigen können.» Um Kooperationspartner nicht zu verlieren, gingen sie auch gewisse Kompromisse ein. Vorsichtig werden sie überall dort, wo es um Staatsgewalt geht. «Wir, wie auch viele andere Forscher, arbeiten zurzeit mit angezogener Handbremse», sagt Miškovic.

 

Es ist ein Gefühl diffuser Bedrohung, das in den Gesprächen mit den Wissenschaftlern immer wieder durchdringt. Trotz der unberechenbaren Lage wollen sie ihre Arbeiten fortsetzen. «Wir können nicht aus allen Staaten weggehen, die nicht wollen, dass man bei ihnen forscht», meint die Anthropologin am Telefon. Dann muss sie das Gespräch beenden, in einer halben Stunde will sie Mitarbeiterinnen einer lokalen Organisation treffen. Das Gefühl der Verunsicherung wird sie begleiten.