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Wände verputzen für die Zukunft

Am Vortag ist Ferenc Lörinc wieder aus Szigetszentmiklós zurückgekehrt. Jener Stadt, die er seine Heimat nennt, die er vor sieben Jahren verlassen hat. Seine Frau Ilona und der fünfjährige Sohn leben weiterhin dort. Besuche zuhause sind selten, weil die Flüge für ihn zu teuer sind und ihm für eine Reise per Mitfahrgelegenheit oft die Zeit fehlt.

 

Ausser jetzt im Winter, wenn es auf den Baustellen in der Schweiz keine Arbeit für ihn gibt. Ist er in Ungarn, weicht ihm sein Sohn nicht von der Seite. In der übrigen Zeit klettert der Junge fast jeden Abend vor den Computer und spricht übers Internet mit seinem Vater: Er kennt ihn vor allem vom Bildschirm.

Ein «Skype-Boy» sei sein Sohn, sagt Lörinc, davon gebe es zurzeit viele in Ungarn.

Auch für Männer wie ihn gibt es in seiner Heimat einen eigenen Ausdruck: Mezogazdasági vándormunkás – Wanderarbeiter. Lörinc ist gelernter Gipser und verdiente damit in seiner Heimat genügend Geld zum Leben. Bis die Wirtschaftskrise das Land erfasste und zeitgleich günstigere Arbeiter aus dem Osten auf den Markt drängten. Gemeinsam mit einem Freund verliess er Ungarn und reiste fortan den Kranen und Baggern nach, immer dorthin, wo die Baubranche boomte. Er arbeitete auf einer Grossbaustelle in Mailand, baute Mauern für einen Flughafen auf Ibiza, verputzte die Wände eines Einkaufszentrums in Österreich und gelangte nach drei Jahren schliesslich in die Schweiz.

 

Von seiner Wanderschaft erzählt der 42-Jährige in einem Basler Café. Noch lieber wäre er in seine ungarische Stammbeiz gegangen, die an diesem Tag aber geschlossen hat. «Ich kenne dafür ein gutes Teehaus», schrieb er schnell per SMS. Es ist eine vornehme Confiserie in der Altstadt, wo der Orangensaft frisch gepresst wird und die Gäste mit gedämpfter Stimme sprechen. Lörinc, kräftige Statur, Silberkette und Jeansjacke, trinkt einen Rooibos-Tee und erzählt in einfachen Sätzen auf Deutsch, wie er sich aus der Illegalität gekämpft hat.

 
Bis vor Gericht
Nach seiner Ankunft in der Schweiz fand er eine Stelle über ein Temporärbüro, das ein Landsmann von ihm führte. Verglichen mit seinen vorherigen Stundenlöhnen verdiente er hier viel Geld, gemäss Schweizer Gesetzgebung aber immer noch viel zu wenig. Für 16 Franken pro Stunde arbeitete Lörinc auf der Baustelle der neuen Kunsthochschule, das Doppelte ist vorgeschrieben. Die Nacht verbrachte er in einer heruntergekommenen Dreizimmerwohnung in Süddeutschland, wo ihn sein Arbeitgeber gemeinsam mit fünf weiteren Angestellten untergebracht hatte. Die überrissene Miete für die Unterkunft zog er den Männern direkt vom Lohn ab.

 

Nach einem halben Jahr realisierte Lörinc, wie er sagt, dass sein Arbeitgeber gegen das Gesetz verstösst. Als er merkte, dass dieser keine Sozialversicherungen bezahlte und den Mindestlohn unterschritt, kündigte er und zog zusammen mit zwei Arbeitskollegen und unterstützt von der Gewerkschaft vor Gericht. Heute, drei Jahre später, wartet er immer noch auf die ihm zustehende Entschädigung.

 

Wieder ohne Arbeit, kehrte Lörinc für kurze Zeit nach Ungarn zurück. Als er dort nach einem halben Jahr immer noch vergeblich nach Arbeit suchte, reiste er wieder in die Schweiz. Übers Internet hatte er zuvor eine neue Temporärstelle gefunden, zu gesetzeskonformen Bedingungen, mit einem Gehalt über dem Mindestlohn und Versicherungsabzügen.

 

Das ist besonders jetzt im Winter wichtig für ihn. Denn in der Baubranche ist es üblich, dass die Unternehmen ihre Saisonniers in der kalten Jahreszeit entlassen, wenn es auf den Baustellen zu wenig Arbeit gibt. Diese Monate kann Lörinc nun mit Arbeitslosengeld überbrücken, während er darauf wartet, dass es wieder wärmer wird, sein Arbeitgeber anruft und ihn wieder auf eine Baustelle schickt.

 

Es sei kein einfaches Leben, sagt Lörinc. Die Distanz zu seiner Heimat, seinem Sohn und die Konkurrenz, die immer grösser werde. «Früher war ich häufig der einzige Ungar auf der Baustelle. Heute wird auf den meisten Baustellen mehrheitlich ungarisch gesprochen.» Doch an eine Rückkehr denkt er nicht, noch nicht.

«Ich tue das für mich und meine Familie, damit wir später ein besseres Leben haben.»

 

Seine Dreizimmerwohnung in einem Baselbieter Dorf teilt er sich mit einem ungarischen Arbeitskollegen, das Essen kocht er immer selber und nur einmal am Tag, er kennt sämtliche Facebook-Gruppen in der Region, wo Gebrauchtes günstig angeboten wird. Und samstags trifft er sich beim Flohmarkt auf dem Basler Petersplatz mit Landsleuten zum Kaffee.

 
Ein Haus im Wald
«Wir Ungarn machen nicht viel Party», sagt Ferenc, «wir sparen lieber.» Deshalb möchte er auch nicht, dass seine Frau und der Sohn zu ihm in die Schweiz ziehen, weil dann am Ende des Monats von seinem Lohn kaum mehr etwas übrig bliebe. So kann er einen Grossteil seines Einkommens auf ein Sparkonto überweisen, rund 2000 Franken jeden Monat. Das ist mehr, als in Ungarn ein Arzt verdient. Zudem finanziert er von seinem Einkommen den Bau des neuen Häuschens, in das seine Familie in den nächsten Wochen einziehen soll.

 

Noch zehn Jahre möchte er in der Schweiz bleiben. Bis dann werde er genügend Geld verdient haben, um in Budapest zwei Wohnungen zu kaufen, die er gewinnbringend vermieten kann. «Danach werde ich nie mehr als Maler oder Gipser arbeiten, das ist für mich klar.»

 

Von seiner Zukunft in Ungarn hat Lörinc eine klare Vorstellung. Er will ein Leben als Selbstversorger führen: «In zwanzig Jahren habe ich ein Bauernhaus mit einem Stück Land, Wald und einem Teich mit Fischen. In Ungarn gibt es noch viele solche Orte.» Dort möchte er ein paar Hühner und Kühe halten, dazu Gemüse und Obst anbauen. Und mit dem Verkauf von Nüssen ein kleines Einkommen verdienen. «Das ist der Plan von meiner Frau und mir. Wir brauchen nur noch etwas Geduld.» Zum Schluss des Gesprächs schiesst er mit seinem Telefon ein Foto für seine Familie, dann geht er los, Bewerbungen schreiben. Denn Ferenc Lörinc will zurück, auf die Baustelle.