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Sie fürchten um ihre Freiheit

Sumvitg-Cumpadials. Halt auf Verlangen. Vor dem hölzernen Stationshaus an der Bahnstrecke zwischen Illanz und Disentis warten zwei Männer auf den Gast aus dem Unterland. „Ich bin Marc, das ist Peter. Hier oben sagen wir uns du.“ Marc Cathomas, sonnengegerbtes Gesicht, abwägender Blick. Neben ihm Peter Binz, sanftes Lächeln, sorgfältig gekämmtes Haar. Beide mit kräftigem Händedruck.

Gemeinsam steigen wir in den Geländewagen von Cathomas und fahren hinauf ins Val Sumvitg. Auf einer Wanderung will ich mit den beiden Männern über den geplanten Nationalpark diskutieren, der hier entstehen soll – über den Parc Adula.

Es wäre der zweite und der größte Nationalpark der Schweiz. Benannt nach dem Rheinwaldhorn, italienisch Adula, einem Berggipfel im Hinterrhein. Auf 1250 Quadratkilometern soll er sich von der Bündner Surselva hier im Nordwesten über die Greinaebene bis zum Tessiner Calancatal im Südosten erstrecken. Ein Gebiet größer als der Kanton Uri.

Ende November stimmen die 17 betroffenen Gemeinden über das Projekt ab. „Dieser Park wäre eine einmalige Chance“, sagte mir Peter Binz schon einige Tage vor unserer Wanderung am Telefon. Marc Cathomas hingegen sieht all das bedroht, was ihm hier oben wichtig ist: seine Freiheit, die Touristen und auch die Natur. Auf der Rückscheibe seines Wagens prangt ein Aufkleber: „No Parc“.

Wir fahren vorbei am Teniger-Bad, einem Kurhotel, das seit vierzig Jahren leer steht, hinauf zum Weiler Val. Hier ist Marc Cathomas aufgewachsen und hat mehr als die Hälfte seines Lebens verbracht. Vor einigen Jahren übernahm er von seinen Eltern das Berggasthaus. Das Val Sumvitg ist seine Heimat.

Anders Peter Binz. Er ist kein Bergler. Aufgewachsen in der Agglomeration von Zürich, war er während vielen Jahren Finanzchef eines schweizweit führenden Beratungsunternehmens. Erst vor sechs Jahren zog er nach Curaglia im nahen Val Medel. Dort führt er mit seiner Frau ein Hotel, amtet als Gemeindepräsident – und setzt sich als Mitglied im Leitungsausschuss des Parc Adula für ein Ja im November ein.

Die Unterländer wollen den Berglern vorschreiben, wie sie zu leben haben. So heißt es immer wieder im Bündnerland. Doch die Sache ist komplizierter.

Die paar Holzhäuser von Val verschwinden im Rückspiegel, ein Stück oberhalb vom Dorf parkiert Cathomas den Wagen am Wiesenrand. Die beiden Männer schnüren ihre schweren Schuhe, über einen steinigen Weg geht es zu Fuß weiter aufwärts, an einem rauschenden Bach entlang. Bewaldete Hänge steigen zu beiden Seiten des Tals steil an, dichter Morgennebel verhüllt die Gipfel. „Ich kann deine Ablehnung nicht verstehen“, sagt Binz zu Cathomas. „Der Park ist eine Gelegenheit, die wir nicht ungenützt lassen dürfen. Wir können unsere Natur nachhaltig bewahren und zugleich die Wirtschaft in der Region ankurbeln.“ Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung, das sind die beiden wichtigsten Argumente, mit denen die Befürworter den Parc Adula bewerben. Mit dem neuen Park, so hoffen sie, kommen mehr Touristen und fließt mehr Geld in die Randregionen. Sie rechnen mit neuen Arbeitsplätzen für Parkwächter oder Wissenschaftler – und im besten Fall mit neuen Einwohnern. Marc Cathomas zweifelt an dieser Rechnung: „Wir geben unsere Selbstbestimmung auf, ohne zu wissen, was wir dafür erhalten.“

Weltweit gibt es rund 5.000 Nationalpärke. Bei fast allen Projekten gab es zunächst Widerstand aus der lokalen Bevölkerung. Denn die Idee für die Pärke hatten meist Städter. Anders beim Parc Adula – die Befürworter sprechen von einem Bottom-up-Projekt, von der lokalen Bevölkerung getragen und mit gestaltet. Dennoch: Die Ablehnung wird umso größer, je näher die Betroffenen am Park wohnen. In den Seitentälern des Bezirks Surselva, wo Binz und Cathomas leben, ist der Widerstand besonders stark. Die Gegner werben am Straßenrand mit Holztafeln gegen „fremde Vögte“, kämpfen am Stammtisch, in den Sozialen Medien oder in den Leserbriefspalten gegen den Park. Besonders stören sie sich daran, dass sie in ihren eigenen Gemeinden nicht mehr tun können, was sie wollen. Der Park schränkt ihre Freiheit ein.

In der Kernzone ist kein Platz für Hunde, Jäger und weidende Geißen

Welche Regeln im Park gelten, steht in einer Charta. Der Trägerverein Parc Adula hat einen Entwurf im vergangenen Herbst veröffentlicht und die Bevölkerung dazu eingeladen, Stellung zu nehmen. Heftig diskutiert wird vor allem die 145 Quadratkilometer große Kernzone rund um die Greina-Hochebene. Wandern ist dort nur noch auf den markierten Wegen erlaubt. Bergsteiger und Skitourengänger müssen sich an festgeschriebene Routen halten. Hunde sind verboten. Wie auch das Fischen oder das Jagen. Es dürfen keine Pflanzen oder Pilze mehr gesammelt werden, das Kristalle-Strahlen ist untersagt. Und die Bauern können ihre Schafe und Geißen nur noch auf einer eingeschränkten Fläche sömmern.

Für Marc Cathomas geht das zu weit. Er ärgert sich über die Parkregeln. „Ich bin ebenfalls dafür, dass wir die Region stärken. Aber das wäre auch ohne diese vielen Verbote möglich!“ Binz entgegnet ihm, als wir auf schmalen Baumstämmen kleine Bäche überqueren: „Damit wir dieses Parklabel bekommen, braucht es gewisse Kompromisse. Ich bin überzeugt, dass wir viel mehr zurückerhalten, als dass wir verlieren.“

An der Baumgrenze legen wir eine kurze Wanderpause ein. Vor uns steigt das Tal an, hinauf auf 2.200 Meter zur Greina. Wanderer in farbiger Outdoor-Kleidung überholen die beiden Einheimischen und grüßen freundlich. „Schau dich einmal um!“, sagt Cathomas zu Binz, der noch nie in diesem Teil des Parkgebietes war. „Obwohl hier im Sommer jeden Tag Dutzende von Wanderern durchkommen, liegt kaum je Abfall am Boden.“ Die meiste Fläche stünden bereits heute unter Naturschutz. Er selber habe sich 1985 im Kampf gegen den geplanten Stausee auf der Greina engagiert, der diesen Fleck in der ganzen Schweiz bekannt gemacht hatte.

Dann erzählt Cathomas, wie er als Jäger kleine Biotope für Kleinlebewesen baue und Wanderer darauf hinweise, wenn sie gegen die Regeln des Naturschutzgebiets verstießen. „Unsere Vorfahren trugen Sorge zu dem Gebiet, die Touristen tun es, und wir tun es auch. Jetzt sag mir, weshalb braucht es hier überhaupt einen Park?“

Binz streitet nicht ab, wie schön es bereits heute hier oben ist. Wie sollte er auch. „Wir müssen den Park als starkes Marketinginstrument betrachten, Marc“, sagt er. „Damit wir dieses Label erhalten, müssen wir aber gewisse Regeln aufstellen. Das verlangt die Pärkeverordnung des Bundes.“

Das Label ist das eine. Das Geld das andere. Sagen die Gemeinden Ja zum Park, erhält die Parkleitung vom Bund in den ersten beiden Jahren je 2,5 Millionen Franken und ab 2018 jährlich 5,2 Millionen Franken. Für die Unterstützung von regionalen Projekten. Geld, das man im Bündner Oberland dringend gebrauchen könnte. Die Täler, die von Abwanderung geplagt werden, und die Dörfer, in denen Jahr für Jahr Restaurants, Hotels und Geschäfte schließen müssen. „Mit dem Parklabel“, sagt Binz, „können wir unsere regionalen Lebensmittel und Produkte viel besser vermarkten.“ Er stellt sich vor, wie von hier aus Holzprodukte ins Unterland exportiert werden, wie neue Unterkünfte entstehen. Ja, er glaubt, dass der Park junge Menschen anzieht, vielleicht auch Familien: „Du willst doch auch nicht, dass unsere Dörfer völlig aussterben, weil uns die Einnahmequellen fehlen!“

Cathomas bleibt skeptisch. Er befürchtet, der Park und seine Verbote werden dem Tourismus mehr schaden als nützen. „Schließlich finden die Wandertouristen bei uns bereits jetzt, was sie suchen“, sagt er. Und wollen sie heute eine Pause machen, sagt er, setzen sie sich an den Fluss und kühlen ihre Füße. „Auf der Greina-Ebene gäbe es keine einzige Möglichkeit mehr, wo die Wanderer am Wasser rasten könnten.“ Und wenn er jemanden am Bahnhof abhole und der seinen Hund dabeihabe, müsse er ihn wieder nach Hause schicken. „Das wäre sicher keine gute Werbung.“

Kommt der Park, können die Gemeinden nach zehn Jahren noch einmal abstimmen

Nun wird der Weg stotziger. Ich, der Städter in der Runde, rutsche aus. Dann strauchelt auch Binz. Cathomas witzelt über unsere Berggängigkeit und mahnt erheitert zu mehr Vorsicht. Wir queren einen Fluss am Fuß des schroffen Piz Mzedi, des höchsten Punktes unserer Tour. Die letzten Nebelschwaden haben sich verzogen. Es ist Zeit für eine Rast. Binz setzt sich und schneidet einen Geißkäse auf. Cathomas holt den Feldstecher aus seinem Rucksack. „Da oben!“, er deutet hinauf, in Richtung Wildschutzgebiet, dort vermute er Hirsche. Und tatsächlich grasen auf einer Felsterrasse neben einem Wasserfall ein halbes Dutzend Tiere. Manchmal steige er bis dort hinauf, um die Hirsche zu beobachten, sagt Cathomas. Aber die Felsterrasse wäre in der Kernzone. Kommt der Park, dürfte er nicht mehr dahin. Wie auch auf die vielen Gipfel, die er als Bub mit seinem Vater erkundet hat und die er heute immer noch besucht. „Wenn ich mich hier nicht mehr frei bewegen kann, nimmt man mir auch persönlich etwas weg. Etwas, das mir extrem wichtig ist: meine Freiheit.“

Cathomas argumentiert mit dem Herz. Binz mit dem Kopf. „Ich kann nicht nachvollziehen“, sagt er, „weshalb wir nicht ein paar Freiheiten aufgeben können, um diese Chance zu nutzen.“ Und überhaupt: Nach zehn Jahren würden die Gemeinden noch einmal darüber abstimmen, ob sie den Park weiterführen wollen – oder nicht. „Das Risiko ist mir zu groß“, sagt Cathomas und hängt sich den Feldstecher um. „Ist der Park erst einmal hier, werden wir unsere Freiheiten nie wieder zurückgewinnen.“

Auf der anderen Flussseite wandern wir zurück nach Val. Die Mittagssonne scheint zwischen den Wolken hervor. Die beiden Männer bleiben bei ihren Meinungen. Bis auf eine Ausnahme: Dank dem Parkprojekt, sagen sie, werde wieder über die Zukunft der Region diskutiert. „Das müssen wir weiterführen“, sagt Cathomas. Es brauche bessere Anschlüsse an den öffentlichen Verkehr, mehr Werbung und das Engagement jedes Einzelnen. „Da liegt für mich das Potenzial. Das geht auch ohne Verbote.“

Vier Stunden später sind wir zurück im Weiler Val. Cathomas bittet uns zum Kaffee in sein Berghaus. Es ist 300 Jahre alt. Die Wände sind dicht behangen mit Geweihen von Gämsen, Hirschen und Steinböcken. „Die Natur“, sagt er, „ist eben auch dafür da, dass man in sie hineinleben kann.“